Work-Dog-Balance

Ich hatte es mir leichter vorgestellt, Hund und Job “unter einen Deckel” zu kriegen. Die gute Nachricht: Es ist möglich – wenn man mit Leidenschaft hinter der Sache steht. Beim Abenteuer Work-Dog-Balance braucht man (Arbeit-)Nehmerqualitäten, denn die Reihenfolge ist klar definiert: Erst kommen der Job und der Hund, und schließlich man selbst. Um das Vollzeit-Arbeitspensum und die Bedürfnisse von Kollege Hund guten Gewissens – und ohne Burnout – meistern zu können, benötigt man hauptsächlich drei Dinge: reichlich Organisationstalent, Nerven wie Drahtseile und viel guten Willen.

Ich gehöre zu den glücklichen Angestellten, die täglich von ihrem Hund ins Büro begleitet werden. Zu Höchstzeiten werkeln und wuseln wir sogar in Gesellschaft von vier Vierbeinern! Henry kennt den Arbeitsalltag seit er zwölf Wochen alt ist – vor kurzem hat er erfolgreich das dritte Lehrjahr abgeschlossen. Angefangen haben wir damals mit viel Bauchkribbeln, Neugier und Zusammenhalt. Als der kleine Labbi bei uns einzog, habe ich drei freie Wochen intensiv dafür genutzt Vertrauen und Stubenreinheit aufzubauen. Mit dem Ernst des Lebens bezog Henry seinen Platz am Schreibtisch – auf meinen Füßen liegend den Raum beobachtend. Ich arbeite sieben Stunden am Tag (von 10-17 Uhr) als Chefredakteurin für ein monatlich erscheinendes Stadtmagazin in Hamburg. In einem Großraumbüro, mit vielen netten Kollegen, klingelnden Telefonen, fröhlichem Besuch und konzentrierten Meetings. Mittendrin mein Hund – als Fels in der Brandung, gemütlich schnaufend unter dem Schreibtisch.

„Kollege“ Hund sorgt unter richtigen Voraussetzungen für ein angenehmes Arbeitsklima. Dies zeigt eine aktuelle Studie der Banfield Tierklinik in Portland, USA. Aus ihr geht hervor, dass Arbeitsplätze mit Hunden als äußerst positiv bewertet werden. Die Arbeitsmoral wird höher, die Effektivität und Produktivität steigt und die Mitarbeiter zeigen einen geringeren Stresslevel.

Mein Arbeitsplatz ist Henrys Hafen – hier sind seine Decke, sein Napf und meistens auch ich. Einem neugierigen Junghund das klar zu machen – zwischen Käsebrötchen essenden Kollegen, raschelnden Papierkörben, stürmischen Postboten und schicken Gästen – war eine der schwersten Aufgaben. Die angewendete Konsequenz sah nur nach außen hin entspannt aus. Innerlich stand ich mehr als einmal am Rande der Kapitulation. Das Durchhaltevermögen hat sich tausendfach ausgezahlt. Da können charmante Hündinnen an uns vorbei zum Kopierer traben, Postboten laut rufend um die Ecke biegen oder Besucher schmeichelnd auf´s Empfangs-Sofa locken. Meistens quittiert Henry sämtliche Avancen lediglich mit einer hochgezogenen Augenbraue. Der Weg dahin verlief nicht ganz ohne angesabberte Hosenbeine oder angebellte Briefträger. Nobody´s perfect. Sagte ich mir auch, als mein Welpe mitten während der Redaktionskonferenz unter den Tisch pinkelte, an dem wir alle saßen …

Wenn sich im Büro alles eingespielt hat, geht es an die Termine außer Haus. Abgesehen davon, dass er tatsächlich schon mehrfach Post in die Redaktion erhalten hat, wird Henry öfter explizit mit zu Terminen eingeladen. Was ich ihm meistens verwehre – erstens möchte ich mich bei beruflichen Besprechungen auf mein Gegenüber konzentrieren und zweitens muss auch irgendjemand auf meinen Schreibtisch aufpassen. Dieser Aufgabe kommt Kollege Hund während meiner Abwesenheit gewissenhaft nach – schade, dass er nicht ans Telefon gehen kann. Er würde es sicher tun! Ab und zu ist Henry bei Außenterminen dabei. Was für alle Seiten entspannt funktioniert, kann ich in der Regel gut einschätzen. Es ist aber auch schon passiert, dass ich ihn einmal vormittags zu einem Interview mit in eine Bar genommen habe, die für Gäste erst abends öffnet. “Lass ihn ruhig ein bisschen rumlaufen”, freute sich der nette Besitzer, während er mich durch den Laden führte und für ein Porträt viele Fakten und Anekdoten auf´s Diktiergerät sprach. Als ich mich einmal umdrehte, erkannte ich den Grund für seine Freude – den noch nicht dagewesenen Putztrupp konnte er sich für diesen Tag sparen. Mein auf Getreide allergisch reagierender Hund säuberte den Boden gewissenhaft von sämtlichen Erdnüssen und Chipsresten des Vorabends.

Hunde führen auch im Büro zur Ausschüttung des Liebeshormons. Eine Arbeit der schwedischen Universität für Agrarwissenschaften (Fakultät für Veterinärmedizin und Tierwissenschaft) zeigt, dass Hunde bei Menschen den Ausstoß des Hormons Qxytocin aktivieren. Dieses  trägt zur Steigerung der sozialen Kompetenz bei und vermindert Depressionen.

Grundsätzlich sind die Reaktionen auf  Bürohund Henry zu über 90 % positiv. Es gibt natürlich immer Menschen, die z. B. Angst vor Hunden haben. Mein Labrador hat kein Problem damit, diese vom Gegenteil zu überzeugen – oder auch einfach unterm Schreibtisch weiterzuschlafen. Mit den Kollegen haben sich längst feste Rituale etabliert. Von einer Redakteurin gibt´s den Käserand vom Butterbrot, Leckerlis werden aus dem Chefzimmer abgeholt (der Ansage “Kommst du mal bitte kurz nach hinten?!” folgt kein anderer Mitarbeiter stets so freudig, wie Henry) und in der Mittagspause gibt´s im Café um die Ecke eine kostenlose Banane oder Streicheleinheiten vom Italiener nebenan. Der einfach nicht verstehen will, dass mein Hund Henry heißt (“Ciao, Enrico!”). Achja, die Mittagspausen – die sind natürlich für den Hund reserviert. Auch wenn die Termine noch so anstrengend waren oder die Kollegen leckere Pizza essen gehen – ich laufe bei Wind und Wetter um den Block, einen fröhlichen Bürohund im Schlepptau. Wenn man manchmal nassgeregnet und hungrig zurück ins Büro kommt und gerade noch die Leine lösen kann, bevor das Telefon schon wieder klingelt, hilft nur noch positives Denken …

Wenn ein Meeting das nächste jagt, die Deadline näher rückt, man erkältet ist oder das Auto in die Werkstatt muss, ist ein Hund an der Seite nicht direkt eine Bereicherung, sondern ehrlich gesagt ein Klotz am Bein. Zum Glück gibt es in solchen Augenblicken meinen Freund und meine Eltern. Entweder Stefan holt Henry bei mir im Büro ab, oder ich bringe die Fellnase morgens samt Brötchen zu meinen Eltern, wo er den Tag verbringen darf. Was sich inzwischen für jeden Donnerstag etabliert hat – zur Freude aller Beteiligten! Der durch einen Vollzeitjob eh schon eingeschränkte Alltag muss mit Hund noch mehr organisiert werden. Der Wecker klingelt, wenn sich hundlose Kollegen noch einmal gemütlich im Bett umdrehen, zwischendurch gibt´s keinen Mittagstisch sondern Mittagsgassi und nach Feierabend geht´s nicht vor den Fernseher sondern durch die Felder. Wenn einem manchmal kurzzeitig alles über den Kopf zu wachsen droht, man vor Arbeit und Alltagskram nicht weiß, wo man anfangen soll, dann schnappt man sich am besten den vierbeinigen Kollegen, schüttet ihm auf einer langen Gassirunde das Herz aus und sortiert die Gedanken neu. Wenn Hund dann man nächsten Morgen treu und unerschütterlich wieder mit einem zur Arbeit trottet, spätestens dann weiß man warum man es macht – weil man zu zweit einfach doppelt stark ist!

Viele Unternehmen haben den positiven Effekt des Bürohundes bereits erkannt und erlauben ihren Mitarbeitern, ihre Vierbeiner mitzubringen. Kein Arbeitgeber ist jedoch dazu verpflichtet, Hunde am Arbeitsplatz zu erlauben. Wer seinen Hund mitbringen möchte, sollte vorher die schriftliche Erlaubnis seines Arbeitgebers einholen. Im Sinne der Kollegialität und um spätere Stresssituationen vorzubeugen, wird geraten das Einverständnis auch von den Kollegen einzuholen um eventuelle Allergien und Ängste im Vorfeld abzuklären. (Quelle: Vier Pfoten – Stiftung für Tierschutz)

Welche Erfahrungen habt ihr mit der Work-Dog-Balance, bzw. wie meistert ihr den Arbeitsalltag mit Hund?

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