Giftköder

Es fängt ja meistens wie ein ganz normaler Tag an. Aufstehen, anziehen, Frühstück, mit dem Hund raus, arbeiten, Mittagessen, mit dem Hund raus … BÄNG! Wenn der Alltag trügt, schlägt das Schicksal zu. Besonders, wenn man denkt „das wird mir nicht passieren“. Als Henry noch ein Welpe war, haben wir bis zum Erbrechen (nicht wörtlich nehmen) geübt, dass er nur frisst was wir ihm freigeben. Und das hat jahrelang auch spitzenmäßig funktioniert. Bis ich mich umdrehte und mein Hund sich hinterrücks auf einem Waldweg merkwürdige pinke Fleischbrocken einverleibte. Giftköder?

Ein Worst-Case-Szenario für jeden Hundemenschen. Wenn das Familienmitglied zum Opfer einer hinterhältigen und feigen Aktion eines kranken Geistes wird. Die Beweggründe, die Menschen zu so unmenschlichen Taten treiben, kann man mit keinem Argument rechtfertigen. Und ehrlich gesagt ist mir in dem Moment, wenn mein Hund einen Giftköder frisst, alles andere wichtiger, als der Idiot der das zu verantworten hat. Ich beschäftige mich ausschließlich damit, wie ich dem unschuldigen Tier best- und schnellstmöglich helfen kann.

An den möglichen Täter verschwende ich nicht einen Gedanken.

Es passierte jedenfalls während einer ganz normalen Mittagsrunde. Henry und ich bummelten durch den Wald und entspannten etwas vom Arbeitstag, der noch mit weiteren Aufgaben auf mich wartete. Es hatte ein paar Tage zuvor geschneit und gefroren, aber nun kam ab und zu die Sonne raus. Da mein Rüde meistens vorläuft werde ich schnell stutzig, wenn ich ihn mal aus dem Blickfeld verliere. Allgemein bleibt er nur zurück, wenn er etwas besonders Spannendes gerochen hat, das länger analysiert und sorgfältig übermarkiert werden muss … Als ich mich umdrehte, traute ich meinen Augen nicht: Henry stand an einem undefinierbaren, kürzlich noch schneebedeckten Fleischhaufen und knabberte langsam aber sicher an den Stückchen.

„NEEEIN!“. Die gebrüllte Ansage brachte meinen verfressenen Labbi-Mix direkt zum Aufhören. Doch als ich nach ein paar Schritten am Ort des Geschehens ankam, konnte man deutlich erkennen, dass bereits eine Portion fehlte und merkwürdig pinke Bestandteile aus dem komischen Gemisch leuchteten.

Das war der Moment, in dem bei mir alle Alarmglocken klingelten.

Um den Schock komplett zu machen, erinnerte ich mich an aufgehängte Zettel, mit denen jemand kürzlich in unserer Gegend vor Giftködern gewarnt hatte. Mein Hund und ich waren zu Fuß ca. 25 Minuten von meinem Auto entfernt. Also machte ich schnell ein Foto von den Resten des vermeintlichen Giftköders und nahm noch etwas davon in einem Kotbeutel mit. Jetzt aber nichts wie los!

Während mein bedröppelter Henry (er hat den Ernst der Lage natürlich überhaupt nicht gepeilt und fand mein Verhalten total merkwürdig) nicht mehr von meiner Seite wich, rief ich als Erstes bei einem Labor in der Nachbarschaft an, das diverse Proben (Blut, Gewebe aber auch Gewässer und Böden) untersucht. Meine Hoffnung war, dass die Fachleute anhand der von mir entnommenen Menge evtl. schnell aufschlüsseln könnten, ob es sich bei den auffälligen Farbpartikeln tatsächlich um Gift oder eventuell auch nur um fies gefärbtes Trockenfutter handelte. Leider teilte man mir mit, dass diese Untersuchung dort technisch nicht durchgeführt werden könne. Es wäre auch zu einfach gewesen.

Giftköder

Inzwischen waren Henry und ich bei meinem Auto angekommen und schlugen den direkten Weg zur knapp 40 Minuten entfernten Tierklinik ein. Ich versicherte mich noch telefonisch bei einer Tierärztin (unsere hatte Mittagspause), die mir dazu riet direkt die Klinik und nicht erst ihre Praxis aufzusuchen.

Natürlich gingen mir während der Fahrt tausend Gedanken durch den Kopf und ich hoffte einfach nur auf einen Fehlalarm und eine Überreaktion meinerseits, während ich Henry genau beobachtete. Er war immer noch verblüfft über den Verlauf unserer Mittagspause, aber trotzdem ziemlich entspannt. Schnell noch bei der Arbeit angerufen, dann parkten wir auch schon vor der Klinik. Am Empfang schilderte ich die Lage und zeigte die pinke „Kostprobe“. Nach ca. 10 Minuten standen Henry und ich im Behandlungsraum. Es war seit dem Vorfall rund eine Stunde vergangen. Die Tierärztin schaute sich unsere mitgebrachten Fleischbrocken an und erklärte, dass die Klinik ebenfalls keine Möglichkeit hätte, diese schnell zu analysieren.

Generell sind alle extremen farben verdächtig.

Giftköder

Zum Glück hatte ich Henry auf frischer Tat ertappt und konnte noch eine Restmenge begutachten, sodass die Indizien alarmierend genug waren. Es kann auch passieren, dass Hunde Giftköder erstmal vom Besitzer völlig unbemerkt fressen. Das ist natürlich umso schlimmer, da zum Beispiel Rattengift erst zeitverzögert zu inneren Blutungen führt. Dies ist leider so beabsichtigt, damit die Ratten sich wieder von der Köderbox entfernen und nicht an Ort und Stelle sterben, was andere Nager abschrecken würde … Aus diesem Grund sollte man schon beim kleinsten Verdacht schnell handeln und nicht erst abwarten.

Je nach Hundegröße kann es besonders für kleine Vierbeiner schnell böse enden.

Henry wurde ein Brechmittel gespritzt und mit einer Spuckunterlage gingen wir auf den Klinik-Hof. Ca. 15 Minuten später ging es auch schon los und sämtlicher Mageninhalt wanderte wieder nach draußen. So froh hat mich bisher noch kein sich übergebender Hund gemacht. Henry tat mir natürlich Leid, aber lieber alles raus und alles wieder gut! Als nichts mehr kam, spritzte ihm die Ärztin ein Gegenmittel und der Brechreiz ließ nach. Kurze Zeit später hatte er schon wieder ordentlich Appetit … Hier seht ihr einen Auszug der Rechnung. 40,13 € brutto habe ich gerne investiert. Auch wenn ich am Ende nicht weiß, ob es vielleicht nur ein Fehlalarm war.

Giftköder

Ich hoffe, dass uns so etwas nie wieder passiert (bzw. falls doch, dass es wieder so glimpflich ausgeht) und möchte euch bestärken auch beim kleinsten Verdacht sofort zu handeln! Als Erste-Hilfe-Maßnahme im Fall einer möglichen Vergiftung empfiehlt es sich, Aktivkohle-Tabletten aus der Apotheke vorrätig zu haben. Diese gibt man dem Hund so schnell es geht in einer für seine Größe angemessenen Menge – als Faustregel gilt 1 g Kohle pro 1 kg Körpergewicht. Anschließend kann die medizinische Kohle eine Giftaufnahme über den Darm in den Kreislauf in Maßen verhindern. Genaue Infos findet ihr hier. Auch spezielles Anti-Giftköder-Training ist eine sinnvolle Prävention – selbst wenn ich bei Henry vom Gegenteil überrascht wurde.

Als mein Hund außer Gefahr und wir wieder zu Hause waren, rief ich bei unserer örtlichen Polizeidienststelle an und meldete den Vorfall. Die Beamtin versprach, auch das Ordnungsamt zu informieren und im Blick zu behalten ob noch ähnliche Meldungen eintreffen würden. Außerdem wies sie mich auf die Möglichkeit einer Anzeige gegen Unbekannt hin und empfahl mir auch die lokale Presse zu informieren. Eine weitere Möglichkeit ist außerdem, mit Flugblättern andere Hundehalter in der Umgebung zu warnen. Diese kann man gut beim nächsten Gassi-Gang aufhängen – man darf aber nicht vergessen, sie nach gewisser Zeit auch wieder zu entfernen …

Haben euch auch schon mal so fiese Alltagsmonster erwischt? Ich hoffe, ihr konntet sie ebenfalls erfolgreich abschütteln!

Eure

Stefie-Sign

 

 

 

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