Wildbegegnungen

Wenn Henry und ich unsere Morgen- oder Abendrunde drehen, und ein Reh oder Fuchs auf der Bildfläche erscheint, macht mein Herz einen Sprung – weil ich mich über diese seltenen Momente so freue! Hört sich nicht nach der typischen Hundehalter-Aussage an, oder? Klar kenne ich die Erlebnisberichte von Freunden, Bekannten oder Gassi-Begegnungen über Hunde, die einer gepflegten Hatz kaum bis gar nicht widerstehen können. So verzweifelt wie sich manche Geschichten anhören, tut es mir oft Leid – der Besitzer ist gestresst, der Hund auch und das arme Wild sowieso. Warum wir Aufeinandertreffen mit Reh, Kaninchen und Co. entspannt genießen können, verrate ich euch hier …

Trainingstipps, wie man das natürlich angeborene Jagdverhalten bei Hunden im Zaum hält, gibt es ohne Ende – ich will gar nicht lange ausholen, sondern einfach erzählen wie wir es erfolgreich geschafft haben.

Wildbegegnungen

Was Hänschen nicht lernt – Bereits im Welpenalter haben wir den Grundstein für Henrys heutige Gelassenheit gelegt. Es gab weder Zerr- noch Ballspiele, stattdessen Denkaufgaben und spielerischen Vertrauensaufbau. Mir war (ist) es wichtig, für meinen Hund jederzeit eine verlässliche Konstante auszustrahlen; auch wenn das manchmal gar nicht so leicht ist, und mir schon mehr als einmal der Schweiß ausgebrochen ist … Natürlich spielen auch die grundsätzlichen Rasse-Eigenschaften beim Verhalten mit rein – manche Hunde springen schneller auf gewisse Reize an, als andere. Aber genauso wie man einem verfressenen Labbi beibringen kann, nichts von der Straße zu fressen, kann man einen Terrier mit jagdlichen Ambitionen bremsen/oder zumindest umlenken.

Spaß am Training – Als die Grundbasis gelegt war, tapste ich mit unserem 6 Monate jungen Labbi-Nachwuchs bereits zu den großen Retrievern zum Dummytraining (natürlich mit einem altersgerechten Pensum). Hier ging´s los mit der Hundepfeife, dem gezielten Losschicken zur Suche, dem Apport und dem – besonders im Jagdfall super wichtigen – Abbruch-Pfiff. Sitzen diese Kommandos und werden regelmäßig abgerufen, mit Spaß an der Sache ausgeübt und toll belohnt (ich sage nur Käse!), stehen die Chancen gut, dass Hund auch im Ernstfall in den Trainingsmodus umschaltet und auf den Abbruch-Pfiff reagiert. Besonders ein erfolgreicher Abbruch sollte ordentlich belohnt werden, da dieser eifrigen Hunden einiges an Disziplin abverlangt. Den Abbruch-Pfiff habe ich bis heute bei einer Wildbegegnung zum Glück nie gebraucht – ich glaube, das liegt zum Großteil am nächsten Punkt …

Wildbegegnungen

Entspannt bleiben – Sobald ich auf unseren ersten gemeinsamen Streifzügen Wild entdeckte, was meistens vor dem herum tapsenden Welpen passierte – der hat ja eine Million andere Sachen im Kopf – habe ich mich hingehockt, Henry zu mir gerufen und sämtliche verfügbare Leckerchen parat gehalten. Mit den Leckerlis im Blick hat sich der Kleine schnell von einem „Sitz“ neben mir überzeugen lassen, woraufhin ich ihm ruhig, entspannt und mit freundlicher Stimme die Rehe gezeigt habe. Kaum hatte er diese wahrgenommen, öffnete sich auch schon die Leckerli-Hand … schön blöd, wer da weglaufen würde! Verhielt er sich nach dem Fressen weiterhin ruhig, obwohl sich das Wild noch in unserem Blickfeld befand, gab es ein Lob („Super“), gefolgt von einem relaxten „Bleib“ und der nächsten Leckerli-Portion. So verliefen unsere Beobachtungen meist so lange, bis sich das Wild von selbst verabschiedete. Mal blieben die Tiere stehen und beobachteten zurück, mal zogen sie entspannt weiter, mal sprangen sie blitzschnell in den nächsten Busch. Wir blieben cool!

Wach sein – Ein Grund, warum viele Hunde den „Kick“ der Jagd suchen, ist pure Langeweile! Gestaltet gemeinsame Runden so abwechslungsreich wie möglich und überrascht euren Hund immer mal wieder – lasst ihn auf einen Baumstamm springen, runtergefallene Handschuhe apportieren oder Leckerlis suchen, einen Baum umrunden, versteckt euch usw. Das muss nicht ununterbrochen so gehen, sondern zwischendurch bei passender Gelegenheit oder wenn die Fellnase mal wieder mit den Gedanken/Sinnen abschweift. Henry hat von Anfang an gelernt, dass er draußen nach mir Ausschau halten muss, und nicht umgekehrt! So hat er immer eine Aufgabe und hält sich in einem überschaubaren Radius in meiner Nähe auf …

Vertrauen haben – Damit meine ich mein Vertrauen in den Hund, und umgekehrt. Wenn ich mit unserem 40 kg Rüden unterwegs bin, ist klar dass ich ihm kräftemäßig mit gerade mal 15 kg mehr auf den Rippen unterlegen bin. Deshalb waren (sind) mir von Anfang an klare Verhältnisse wichtig – Souveränität, geregelte Strukturen und viel Liebe. Ich gebe geduldig aber bestimmt die Richtung vor und treffe die Entscheidungen. Wichtig ist aber auch, den Hund nicht permanent einzuschränken, sondern ebenso eigenständiges Verhalten in entsprechenden Situationen zu belohnen, damit der Vierbeiner kein unsicherer Drückeberger wird. Ein feines Zusammenspiel, an dem wir bis heute und wahrscheinlich für immer arbeiten – aber es macht großen Spaß und ist ein tolles Gefühl, einen Hund an der Seite zu haben, der einem in so gut wie jeder Situation vertraut.

Wildbegegnungen

Sich keine Illusionen machen – Mir ist bewusst, dass auch der bis dato verlässlichste Hund jederzeit mal ausbrechen kann. Deshalb beobachte ich Henry bei Wildbegegnungen genau – diese laufen bis heute so ab, wie er es als Welpe gelernt hat: Wir setzen uns hin, beobachten entspannt und knabbern Leckerlis (also ich reiche, er knabbert). Je nach Entfernung und seiner Tagesform lasse ich die Hand locker am Halsband. Nie würde ich an der Leine oder dem Halsband ziehen und laut werden! Achtet auf das Ohren- und Nasenspiel eures Hundes, auf die Körperspannung und verhaltet euch so wie ihr wisst, dass es den Hund entspannt. Dabei sollte man nicht permanent auf die Fellnase einreden oder dauerkraulen, sondern auch einfach mal gemütlich zusammen ausharren – und das Atmen nicht vergessen.

Mit diesen Trainingsansätzen bin ich in den letzten Jahren sehr gut gefahren – und das Beste: Es war gar nicht anstrengend! Ich hatte mir nicht von Anfang an strikt vorgenommen, am Jagdverhalten meines Hundes zu arbeiten, sondern habe einfach bei passender Gelegenheit diese Elemente eingestreut. Es war/ist eine Entwicklung, die quasi nebenbei passiert. Ich wünsche euch ebenfalls viele stressfreie und atemberaubende Erlebnisse mit eurer Fellnase in der Natur. Was gibt es Schöneres, als Hund und Wild gemeinsam zu erwischen – mit der Kamera!

Wie laufen Wildbegegnungen mit euren Hunden ab?

Eure,

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